Ismail Kadare ist der wichtigste und mit Abstand bekannteste albanische Autor der Gegenwart. Er hat für sein Schaffen weltweit viel Anerkennung und Ehrungen erfahren. Seine Bücher sind in alle großen und noch eine ganze Reihe kleinerer Sprachen übersetzt, er hat bedeutende internationale Literaturpreise gewonnen und ist Offizier der französischen Ehrenlegion, und wenn jährlich die Vergabe des Literaturnobelpreises ansteht, wird er immer wieder auf der Liste der Kandidaten geführt.Im deutschsprachigen Literaturraum muss man ihn vielleicht trotzdem noch zu den »unbekannteren bekannten« Autoren zählen, obwohl inzwischen weit über ein Dutzend Bücher aus seinem umfangreichen Werk in deutscher Sprache erschienen sind. Allerdings gab es Mitte der Neunzigerjahre eine auf verschiedene Gründe zurückzuführende Unterbrechung in der Reihe der Veröffentlichungen, und es ist dem verlegerischen Engagement von Egon Ammann zu danken, dass im neuen Jahrtausend die vielleicht nicht sehr große, dafür aber feine Lesergemeinde, die Ismail Kadare hier gewonnen hat, sich auf weitere Bücher freuen darf.Ismail Kadare wurde am 28. Januar 1936 im südalbanischen Gjirokastra geboren, einer Stadt, die an die Hänge des Traums gebaut zu sein scheint, als Sohn eines bescheidenen Gerichtsboten, doch mit einem gebildeten und wohlhabenden Großvater mütterlicherseits. Über Kadares Kindheit und die Stadt, in der er sie verlebte, möchte ich hier nichts sagen, denn er hat sie selbst beschrieben, in seinem für mich schönsten Roman »Chronik in Stein«.Als in Albanien das kommunistische Nachkriegsregime errichtet wurde, war Ismail Kadare acht Jahre alt: er ist in dieses Regime, das er erlebt und erlitten und mit dem er sich auseinandergesetzt hat, hineingewachsen. Nach Talentproben schon im Schüleralter studierte er in der albanischen Hauptstadt Tirana und dann für kurze Zeit am Moskauer Gorki-Institut Literaturwissenschaften In den Sechzigerjahren war er vor allem als Lyriker populär, während er heute diesem Genre angesichts eines Überangebots mittelmäßiger Poeten im Osten und dem geringen Interesse an Gedichten im Westen eher skeptisch gegenübersteht. Seinen eigentlichen literarischen Durchbruch hatte Kadare 1964 mit dem berühmt gewordenen und mehrfach (unter anderem mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni) verfilmten Roman »Der General der toten Armee«. Zahlreiche weitere Romane folgten, die schnell auch im Ausland Beachtung fanden. Sein Ruhm im Ausland machte Ismail Kadare für das kommunistische Regime, das seine Reputation für sich nutzen wollte, bis zu einem gewissen Grad unantastbar, obwohl der er in seinem Schaffen zahlreichen Einschränkungen und Zensurmaßnahmen unterworfen war. 1991 suchte und fand Kadare mit seiner Familie aus Protest gegen die Verschleppung der Demokratisierung durch den Übergangsmachthaber Ramiz Alia in Frankreich politisches Asyl. Nach dem demokratischen Umbruch in Albanien kehrte er in seine Heimat zurück, das heißt, er lebt in Tirana, hat aber auch noch eine Wohnung in Paris.Ismail Kadares Liaison mit der deutsch(sprachig)en Literaturszene ist nicht ganz unproblematisch verlaufen. Vor der »Wende« in Albanien zu Beginn der Neunzigerjahre feierte die Literaturkritik hier seine Werke fast überschwänglich als große, die stupiden Regeln des »sozialistischen Realismus« links liegend lassende Literatur, danach schlug das Urteil um, und teilweise die gleichen Kritiker, die ihn eben noch hoch gelobt hatten, ziehen ihn seiner vermeintlichen Nähe zum stalinistischen Regime, was bis zu dem wahnhaften Wort von der »Hoxha-Kadare-Diktatur« ging. Dabei mag – soweit der Stimmungswechsel nicht auf einige allerdings zweifelhaft zu nennende albanische Quellen zurückging – eine gewisse Enttäuschung darüber mitgeschwungen haben, dass Ismail Kadare sein internationales Ansehen nicht, sozusagen, gegen das Regime verwandt hatte, und außerdem, dass er, meiner Meinung nach, sich fälschlich selbst für seine Rolle rechtfertigen zu müssen glaubte. Künstler, und das schmälert nicht ihren Wert, sind nicht immer die klügsten Interpreten ihrer selbst, und man sollt in erster Linie der Sprache ihrer Werke vertrauen. Ismail Kadares literarisches Schaffen aber, das behaupte ich, ist unbestreitbar integer, und In totalitären Diktaturen ist eine »Nähe zum Regime« der Künstler übrigens immer zu konstatieren, denn dieses sitzt ihnen direkt im Nacken.Imre Kertész, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, hat geschrieben: »[...], vorausgesetzt, dass der Mensch auch unter den Bedingungen des Totalitarismus am Leben hängt, so trägt er mit dieser Wesenheit zum Erhalt des Totalitarismus bei: Das ist der einfache Trick der Organisation." Es gibt in solchen totalitären Staaten im wesentlichen drei Kategorien von Künstlern: die Apologeten und Hofnarren des Regimes, die aufrechten Mahner zur Wahrheit, die für ihren Mut in der Regel teuer, oft sogar mit dem Leben zu bezahlen haben, und jene, die sich mit dem Regime einigermaßen arrangieren, um ihre Werke für sich sprechen lassen.Die Aufrechten verdienen für ihren Opfermut unsere ganze Achtung, über die Apologeten und Hofnarren muss kein Wort verloren werden. Die sich arrangiert haben, verdienen unsere Nachsicht, wir sollten sie an ihren Werken messen.Für Ismail Kadare spricht die messbare literarische Integrität seines Werks im Ganzen, ganz abgesehen davon, dass nicht viele Bücher so klare Einsichten in das Funktionieren totalitärer Systeme vermitteln wie die Romane »Der Schandkasten« oder »Der Palast der Träume«. Außerdem: mit seinen Büchern hat Kadare in der finstersten stalinistischen Diktatur Osteuropas vor allem für die jungen Leute geistige Freiräume geschaffen.Um dieses Thema abzuschließen: es ist jedenfalls sehr viel leichter, als von der Gnade der späten Geburt gesegneter Westler aus der Wärme von Arbeits- oder Redaktionsstuben heraus moralische Urteile zu fällen, als eine solche Moral unter ganz anderen Bedingungen zu leben. In Albanien wurden Dissidenten nicht mit Ausreisepässen versehen.Dies zum politischen Aspekt von Ismail Kadares Schaffen gesagt, und unleugbar spielt dieser politische Aspekt eine Rolle. Doch Kadare ist nicht eigentlich ein politischer Autor, so wenig wie seine Bücher, die sich oft auf historische Begebenheiten beziehen oder doch bei solchen Begebenheiten ansetzen, historische Romane wären. Es lohnt zum Beispiel nicht, die Darstellung des Osmanischen Reiches, in dem viele Kadare-Romane spielen, auf historische Treue zu untersuchen, denn es geht dabei vor allem um den Prototyp eines Superreiches, in dem man, um mit dem Autor selbst zu sprechen, »alle menschlichen Rassen findet, alle Religionen, jedes Klima und jede Landschaft, alle Dramen der Völker und vor allem alle Mechanismen der totalitären Unterdrückung, vom Römischen Reich über Byzanz und die Mongolen bis zum Dritten Reich und dem Sowjetimperium. Oder, noch anders gesagt, der Autor entführt uns in sein ganz eigenes Reich, dessen Grenzen ungeheure Distanzen in Raum und Zeit einschließen und vereinen. Hier kann Prometheus Mao Tse-tung begegnen, und zwischen Albanien und Stambul, der Hauptstadt, liegt ein Gebiet, das wir im Geografieuntericht nie kennen gelernt haben: die Zone des Kra-Kra. In Kadares Reich begegnen Legenden und Mythen dem Leben, vereinigen sich mit ihm, und aus dieser Verbindung gehen neue Legenden hervor und neues Leben, und die Grenzen dazwischen sind nicht scharf, so wenig wie die Grenzen zwischen dem Himmel und der Welt, der unterirdischen und der oberirdischen.Ein Bruder entsteigt dem Grab, um bei seiner Schwester ein Versprechen einzulösen, ein General kämpft mit einer Armee aus Knochen im albanischen Lehm, die Geheimpolizei belauscht ihre Opfer bis ins Grab hinein. Doch die Macht der Herrschenden ist nicht beständig, sie scheitert immer wieder an der gleichgültigen Verachtung der Beherrschten. Der Kopf des Pascha, der eben noch die aufrührerische Provinz unterworfen hat, ist morgen schon blutig im Schandkasten der Hauptstadt ausgestellt.Die Sonne scheint nicht oft in Kadares Reich, und die Mauern von Amtsgebäuden, Festungen und steile Städte aus Stein ragen abweisend empor. Doch wer sich als Leser davon nicht abschrecken lässt, erlebt auch viele Szenen von rührender Menschlichkeit und hinreißender Poesie, niedergelegt in einer einfachen, klaren, durchscheinenden Sprache, die sich jedoch rasch verdichten kann zu Bildern von ungewöhnlicher Kraft.Ismail Kadare ist fraglos ein sehr albanischer Schriftsteller. Das hat ihm bisweilen den Vorwurf des Nationalismus eingebracht. Mag sein, dass bei ihm in den letzten Jahren und Werken der Drang, ein nationaler oder gar der Nationalschriftsteller zu sein, zur Überbetonung des ... sagen wir: patriotischen Elements geführt hat. Mit einem seiner Kritiker setzt sich Kadare in einem langen Interview mit Alain Bosquet, das in Frankreich als Buch erschienen ist, auseinander. Dieser Kritiker hatte geschrieben: »Wenn es um seine Nation geht, ist Kadare so blind wie Homer.« Eines möchte ich hier auf jeden Fall sagen: Die Albaner passen in Kadares merkwürdige Welt. Ein Volk, das zweitausend Jahre lang den Aufstieg und Fall von Reichen, Völkerwanderungen, Kreuzzüge, Einfälle und Eroberungen überstanden hat, sich in Blutrache zerfleischend die Kraft zur Abwehr nach außen aufbrachte, das über zwei Jahrtausende hinweg seine Sprache ohne Schrift am Leben gehalten hat, nur gesprochen, in Liedern, ein solches Volk bietet genug Rätsel, denen es nachzugehen lohnt. Kadare hat dies getan, er hat sich die Mythen und Legenden der Albaner vorgenommen, ihre Geschichte und ihre Geschichten, manchmal mit Pathos, meist aber nüchtern und ohne Beschönigung, und kommt zu interessanten, vor allem lesenswerten Ergebnissen.Als Übersetzer schätze ich an Ismail Kadare seine Fähigkeit zur erzählerischen Disziplin, zum Aufbau von Spannung, die Kunst des Rhythmuswechsels, vor allem aber die Sprache, die einfach ist, klar, gewissermaßen durchscheinend, und die sich doch so rasch verdichten kann zu Bildern von ungewöhnlicher Kraft und Schönheit.Auf alle Fälle ist es mehr als lohnend, Ismail Kadare zu lesen.
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